Das Wetter neu denken

Ein transversales Gedicht von Helena Baur

Das vorliegende Gedicht ist im Rahmen des Seminars „Feministische und dekoloniale Kritik am Anthropozän-Diskurs“ im Sommersemester 2025 an der RUB entstanden und ist das Ergebnis eines verkörperten, orts- und praxisbezogenen Einlassens auf das Konzept des „Weathering“ der Kulturtheoretikerin Astrida Neimanis.

Im Gegensatz zu einer rein meteorologischen Definition versteht Neimanis „Wetter“ als die gesamte Atmosphäre, denen sich Körper im Klimawandel ausgesetzt sehen – eine Atmosphäre, die nicht nur aus Wind und Regen, sondern auch aus sozialen, kulturellen und politischen Kräften besteht. Der Begriff „Weathering“ beschreibt somit den Prozess, wie unterschiedliche Körper diesen vielfältigen, oft ungleichen Belastungen ausgesetzt sind und so unterschiedlich „wettern“. Auf der Website des von Neimanis gegründeten Weathering Collective heißt es:

„Weathering“ as a feminist environmental humanities concept attunes us to human embodiment and difference in a time of climate change, where „weather“ is not only meteorological, but the total atmospheres that bodies are made to bear. This participatory workshop draws on social art practice, infrastructural politics, and feminist frameworks to experiment in the redistribution of low-stakes vulnerability towards „better weathering.“

Inspiriert von dem FEELedWork-Workshopformat des Weathering Collective, wurden die Studierenden dazu eingeladen, sich dem Wetter im Hier und Jetzt, an einem sonnigen Tag im Juni im Botanischen Garten in Bochum, auf eine neue, verkörperte Weise zu nähern. Statt nüchterner Daten ging es darum, mit dem eigenen Körper zu fühlen, Antenne-Werden: Wie fühlt sich das Wetter an? Wie „wettern“ wir und wie „wettern“ andere Körper, menschliche und nicht-menschliche, in dieser Umgebung? Wer sind die „Wetter-Macher*innen“, die nicht nur meteorologische, sondern auch gesellschaftliche Atmosphären schaffen?

Aus den gesammelten, fühlenden Eindrücken entstand eine Reihe von „Wetterberichten“, die die wissenschaftliche Distanz zugunsten der Datenanalyse in Form einer transversalen Poetik überwinden. Die Studierenden wurden aufgefordert, mit einem Stift kreuz und quer eine transversale Linie über ihren Wetterbericht zu ziehen – eine Linie, wie eine Tragetasche“ (Ursula Le Guin), die die Dinge haltet und sie in Relation zueinander bringt. Was sammelt und verbindet die transversale Linie? Welche Fragen und Beobachtungen eröffnen sich? Auf der Grundlage ihrer Linien, kreierten die Studierenden freie und konkrete Gedichte, Haikus, Verse, etc.).Das Gedicht „Neustart“ von Helena Baur ist ein solches poetisches Zeugnis aus dem Botanischen Garten. Es zeigt, wie die Autorin das Konzept des „Weathering“ nicht nur kognitiv und intellektuell, sondern auch affiziert und sensorisch für sich ganz persönlich ergründet hat. Ich danke Helena Baur sehr für die Bereitschaft, ihr Gedicht zu teilen.


Alisa Kronberger