Klima-Speeddating-Karussell mit Kopfstand

von Matthias Grotkopp

Diese Übung verwende ich in Einführungssitzungen zu meinen Seminaren – egal welchen Themas – um die Sprachlosigkeit und Isolation der gesellschaftlichen Nicht-Thematisierung der Klimakrise zu überwinden. Dabei geht es darum, sich die Mühe zu machen, das Offensichtliche auszusprechen, und darüber vielleicht auch zu den weniger offensichtlichen Dingen zu kommen.

Die Übung hat sich in den Jahren immer weiter entwickelt, die letzte Stufe ist eine Variante der Kopfstand-Methode bzw. eine Anwendung dessen, was ich durch Azadeh Ganjeh als „From Hardship to Grievances“ kennengelernt habe.

  1. Der Kurs teilt sich in Gruppen à 3-5 Personen auf
  2. Jede Gruppe bekommt ein Blatt mit einer Fragestellung darauf. Weil meine Seminare in der Regel 25-30 Teilnehmer*innen haben, habe ich mich auf diese sechs Fragen eingependelt:
    1. Wo informiere ich mich über die Klimakrise (oder andere politische, gesellschaftliche Themen)?
    2. Was sind meine eigenen Berührungspunkte mit der Klimakrise?
    3. Wann und wo habe ich zum ersten Mal von der Klimakrise gehört?
    4. Erinnere ich mich an einen bestimmten Punkt, wo mir das Ausmaß besonders klar geworden ist? [Hier ist die Aufgabe der Dozierenden in der Reflexionsphase deutlich zu machen, dass es sich um eine Trickfrage handelt: Denn niemand von uns kann das wirklich von sich behaupten.]
    5. Welche Gefühle verbinde ich mit der Klimakrise? [Hier kann auf dem Blatt ein Emotion Wheel abgebildet sein, um etwas Starthilfe zu geben]
    6. Wie erwarte ich von der Klimakrise in der Zukunft betroffen zu sein?
  3. Jede Gruppe hat eine Minute Zeit, um ihre Gedanken und Assoziationen aufzuschreiben.
  4. Dann werden die Blätter im Kreis an die nächste Gruppe weitergegeben und es wird erneut eine Minute Zeit gegeben. Dies wird wiederholt, bis die Blätter wieder an ihrem Ausgangspunkt angekommen sind.
  5. In der anschließenden Reflexionsphase berichten die Gruppen sich gegenseitig, was sich aus ihren ersten Stichworten entwickelt hat, was dazugekommen ist: Was wurde bekräftigt? Was ist Überraschendes hinzugekommen? Während die erste Runde in der Regel durch die Zeitbegrenzung eine sehr angeregte, fast schon heitere Stimmung entstehen kann, wird es in dieser Phase in der Regel nachdenklicher. Es entsteht eine Tendenz zu Fatalismus und Resignation.
  6. Deswegen werden jetzt die Zettel umgedreht und die Fragen auf der B-Seite bearbeitet:
    1. Wie und mit wem möchte ich mehr über die Polykrise reden? Welche Narrative wünsche ich mir?
    2. Was möchte ich an der Universität lernen, um für die Zukunft vorbereitet zu sein?
    3. Welche Wünsche und Erwartungen habe ich an meine Dozent:Innen?
    4. Was kann ich im Alltag tun (außer ignorieren und verdrängen!), um mich besser zu fühlen?
    5. Was können wir kollektiv tun, um die Krise besser zu bewältigen?
    6. Wen können und sollten wir als Verursachende stärker adressieren und zur Verantwortung ziehen?
  7. Der gleiche Vorgang wird wiederholt, mit dem Ziel, die zunächst auf das passiv erleidende Momentum (hardships)  in den Fragen der ersten Runde mit konkreten und aktivierenden Facetten (grievances) zu konterkarieren. Entscheidende Erkenntnisse sollten sein, dass es a) verantwortliche Strukturen und Akteursgruppen gibt, die gezielt verändert bzw. bekämpft werden können und dass es b) Möglichkeiten gibt, sich zu organisieren und sich in Gemeinschaft zu wehren bzw. solidarisch auf den kommenden ökologischen Kollaps und die sozialen und politischen Konflikte vorzubereiten.

Ein kurzer Erfahrungsbericht aus einer Sitzung, durchgeführt am 15.10.2025 am Seminar für Filmwissenschaft der Freien Universität Berlin, mit Studierenden im 3.-5. Semester. Die Studierenden waren damit einverstanden, ihre Ergebnisse hier abzubilden und zu kommentieren:

  1. Wo informiere ich mich über die Klimakrise (oder andere politische, gesellschaftliche Themen)?

Wenig überraschend wird diese Frage eher akkumulativ beantwortet, so dass am Ende sehr viele Medien und Quellen genannt werden. Daher ist es wichtig in der Diskussion nach den Gewichtungen und den Modi der Mediennutzung zu fragen. Die sozialen Medien– Instagram wird gleich dreifach genannt, Youtube zweimal – fungieren primär als Anstoß zu einem Informationsbedarf, sind aber selten der Ort, an dem Informationen aktiv gesucht werden. Eklatant war, obwohl die Tagesschau(-App) ebenfalls dreifach aufgeschrieben wurde, dass eine sehr große Skepsis sowohl gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk als auch den reichweitenstarken Zeitungen gibt. Auch wenn es sich um Gruppen in einem geisteswissenschaftlichen Setting handelt, ist doch festzuhalten, dass wissenschaftliche Quellen nicht genannt werden. 

  1. Was sind meine eigenen Berührungspunkte mit der Klimakrise?

Die Studierenden im Kurs gehören – wie auch ich – zu den relativ privilegierten Bevölkerungsgruppen, die sich noch durch Wohnort, sozio-ökonomische Lage und Lebensstil in einer vermittelten Beziehung zur Klimakrise befinden: Durch klimatische Veränderungen bedingte Wetterphänomene und Katastrophen werden zwar registriert, sind aber medial vermittelt oder noch nicht existenziell nah. Dagegen rücken einerseits die individuellen Alltagspraktiken und Konsumentscheidungen sowie das gesellschaftliche ‚Klima‘ in den Fokus. 

  1. Wann und wo habe ich zum ersten Mal von der Klimakrise gehört?

Das ist eine Frage, die sehr konkrete Zeitlichkeiten von (Bildungs-)Biographien abbilden kann. Während einige eher den Schulunterricht oder das Pariser Klimaabkommen (sowie den Ausstieg der USA in Trumps erster Amtszeit) nennen, ist es für viele die Erfahrung der Hochzeit der Fridays For Future-Bewegung (2018-2020) die als prägend erfahren wurde. Eine gewisse Ratlosigkeit mit der Frage deutet aber etwas an: Zukünftige Generationen werden sich an ein „erstes Mal“ nicht erinnern können, weil die Krise sie immer schon umgeben hat.

  1. Erinnere ich mich an einen bestimmten Punkt, wo mir das Ausmaß besonders klar geworden ist? 

Während die Frage von ihrer Formulierung her eher auf die Anlässe des Begreifens und Verarbeitens zielt und auch so bearbeitet wurde, ist in der Diskussion vor allem die individuelle Unverfügbarkeit dieses Ausmaßes thematisiert worden und die unzureichenden Formen unserer Gesellschaft, hier der Trauer und Solastalgie Raum zu geben. Können wir wirklich behaupten, das wir verstehen, was es bedeutet, dass das Amazonasgebiet und die tropischen Korallenriffe unrettbar verloren sind? Eine große Einigkeit herrscht darin, dass sich ein solches Realisieren nicht auf Dauer stellt, sondern punktuell überkommt und den Alltag durchbricht statt ihn zu grundieren.

  1. Welche Gefühle verbinde ich mit der Klimakrise? 

Der Übergang zu den Gefühlen moderiert sich an dieser Stelle von selbst. Angst, Trauer und Hoffnungslosigkeit sind die nicht überraschend dominanten Affekte, begleitet von Frustration und Wut. Bemerkenswert ist die ambivalente Rolle von Hoffnung und Optimismus: Während einerseits ein „cruel optimism“ (Berlant) als hinderlich empfunden wird, wird andererseits an einer Konzeption von Hoffnung festgehalten, die sich eher an einer Notwendigkeit des „radical hope“ (Lear) angesichts unabwendbarer Katastrophen orientiert und nach dem bestmöglichen, glimpflichsten Ausgang des Kollapses fragt. 

  1. Wie erwarte ich von der Klimakrise in der Zukunft betroffen zu sein?

Hier sind zwei Themengebiete besonders hervorgetreten: Zum einen die Migration, sowohl als Erwartung eines Anstiegs von Klimaflüchtlingen als auch die Möglichkeit, selbst aufgrund von klimatischen Veränderungen an bestimmten Orten nicht mehr leben zu können. Zum anderen wird eine steigende gesellschaftliche und politische Spaltung und Ausgrenzung antizipiert. Es ist also sehr präsent, inwiefern ein ökologischer Kollaps unmittelbar in soziales auswirkt und wie sich kollektive (Migration) und individuelle Perspektiven (selbst umziehen müssen) zueinander verhalten.

Für die B-Seite war in dieser Sitzung dann doch weniger Zeit, weil die Runde zum alltäglichen Mediengebrauch besonders ausführlich geführt wurde. Daher wurde hier auf das Weiterreichen verzichtet und von jeder Gruppe nur eine Frage, dafür etwas länger, bearbeitet und dem Plenum präsentiert, so dass auch hier genügend Zeit für gemeinsame Diskussionen blieb.

  1. Wie und mit wem möchte ich mehr über die Polykrise reden? Welche Narrative wünsche ich mir?

Es gab eine starke Ambivalenz, einerseits immer und überall, mit vielen und möglichst diversen Menschen darüber reden zu müssen, andererseits die Schwere des Themas nur für kurze Phasen ertragen zu können. Als zentraler Wunsch wurde hier die Ehrlichkeit, auch und gerade von Wissenschaftler*innen, genannt und das Benennen des Kapitalismus als zentralem Nexus.

  1. Was möchte ich an der Universität lernen, um für die Zukunft vorbereitet zu sein?

Wenig überraschend wurde vor allem über Kompetenzen des kritisch-analytischen Denkens  und Medienkompetenzen gesprochen und über die Fähigkeit schwierige Debatten ehrlich zu führen und aus einer gewissen Verstummung heraus zu kommen. Dem habe ich dann versucht, die Erfahrungen der Selbstorganisation und der Transformation von Institutionen hinzuzufügen um die Studierenden darin zu bekräftigen, ihre gestaltenden Potentiale an den Hochschulen zu realisieren.

  1. Welche Wünsche und Erwartungen habe ich an meine Dozent:Innen?

Von den Lehrenden erwarten die Studierenden ebenfalls Ehrlichkeit und Transparenz, was sowohl das Umreißen von eigenen Positionen angeht als auch die Kommunikation auf Augenhöhe. Außerdem wird das Aufbereiten von möglichst diversen Quellen (sowohl auf unterschiedliche Herkünfte als auch epistemische Hintergründe bezogen) und Wissenszugängen gewünscht.

  1. Was kann ich im Alltag tun (außer ignorieren und verdrängen!), um mich besser zu fühlen?

Hier wurden zunächst vor allem Veränderungen des alltäglichen Konsums genannt, allem voran Sparsamkeit, Verkehr, Energieversorgung und Veganismus. In der Diskussion entwickelte sich dann aber der Punkt der Solidarisierung als wirksamer für das eigene Wohlbefinden. Formen des Organisierens sowohl in Demonstrationen bzw. in weiteren sozialen Gruppierungen als auch im jeweiligen nachbarschaftlichen Umfeld sind dann stärker in den Mittelpunkt gerückt.

  1. Was können wir kollektiv tun, um die Krise besser zu bewältigen?

Es wurden verschiedene Skalierungen von Kollektivität angesprochen: Von einem Makrokollektiv, dass den Kapitalismus überwindet und global Ausbeutung stoppt über gesellschaftlich koordinierte Veränderungen des Konsumverhaltens und der politischen Meinungsäußerung hin zu kleineren, ungehorsamen Kollektiven des Aktivismus. Als Gegenstück zur Ehrlichkeit der Akteur*innen im Reden über die Klimakrise wurde die Verantwortung im Handeln betont.

  1. Wen können und sollten wir als Verursachende stärker adressieren und zur Verantwortung ziehen?

Interessanterweise hat diese Gruppe darauf verzichtet, ihre Ergebnisse aufzuschreiben. Das leere Blatt steht also synonym für die fehlende faktische Rechenschaft für die Rolle der Konzerne, Finanzsysteme und der politischen Entscheidungsträger*innen, auch wenn diese mündlich klar benannt worden. Es würde über die Verflechtung von systemischen Bedingungen, Akteur*innen in diesem System und individueller Handlungszusammenhänge. Betont wurde, dass De-Growth vor allem eine Aufgabe des Globalen Nordens darstellt und dass exzessiver Reichtum und der damit verbundene Ressourcenverbrauch entschiedener bekämpft werden müssen.

Das Entscheidende an dieser Methode ist, dass sie zwingend nicht als Ende, sondern als Anfang einer andauernden Beschäftigung fungiert. Sie produziert kein Ergebnis, sondern vor allem einen Gesprächsbedarf, den es aufrecht zu erhalten gilt. Sie soll aber zwei Perspektivwechsel einstudieren helfen, die die Studierenden auch außerhalb des Seminarkontextes ausüben können: Erstens soll der Blick von der individuellen Betroffenheit, Rat- und Machtlosigkeit weggelenkt und auf Möglichkeiten der Solidarisierung und der Gemeinschaften gerichtet werden. Und zweitens soll die ökologische Krise als politisch und ökonomisch gemachte Krise greifbar und somit verantwortliche Strukturen und Akteur*innen adressierbar gemacht werden.

Anknüpfend an die Frage, wie Informationen gesucht und verarbeitet werden, oder wie sie einen auch aufsuchen und bearbeiten, lässt sich zum Beispiel einführen, alle Sitzungen mit „Klimanews der Woche“ beginnen oder beenden. Der*die Dozierende bringt dazu ein Medienereignis mit es wird gemeinsam analysiert auf seine Sprache, seine (Audio-)Visualität, auf was es zeigt und was es ausblendet, seine Affektrhetorik, seinen Kontext, seine Adressat*innen etc.