Memeing the Anthropocene

Ruhr-Universität Bochum 2025

Laura Niebling

„Nowadays, in the meme-heaven that is Reddit, users chart ‘end-of-world scenarios that frighten you the most,’ which include solar flares, sex comets from Neptune, overpopulation, nanotechnology, famine, nuclear war, super viruses, infertility and, of course, ‘that we run out of memes.‘“ – Bogna M. Konior “Apocalypse Memes for the Anthropocene God” in Post Memes, 2021.

Mit Begriffen wie „Pictorial Turn“ oder „Iconic Turn“ wird seit den 1990er-Jahren eine Fokusverschiebung zu visuellen Medien umschrieben, die nicht nur eine redensartlichen „Bilderflut” in Folge der Entwicklung neuer Medien, etwa Internet oder Fernsehen, umschreibt, sondern vor allem einen sich verändernden Umgang mit Bildern. Ein wesentlicher Gegenstand dieser neuen Bildlichkeit sind Memes. Dabei handelt es sich um im Internet zirkulierende Bild-Text-Formen, die von Communities und Individuen erstellt und zirkuliert werden, um den Alltag – von der persönlichen Situation bis zur Weltpolitik – abzubilden und zu kommentieren. 

In der deutschsprachigen Medien- und Kommunikationswissenschaft spielt die Forschung zu Memes seit etwa fünf Jahren, etwa im deutschsprachigen Netzwerk Meme Studies in der Gesellschaft für Medienwissenschaft, eine zunehmende Rolle und greift damit eine längere Beschäftigung in den internationalen Wissenschaftsdebatten auf. Mit Memes als „Seismograf[en] soziokultureller Konflikte“ (Niebling/Trummer 2024) werden in den digitalen Kulturen vor allem auch Krisen ausgehandelt, die aus kontemporären Herausforderungen wie dem Klimawandel, Kriegen und Flucht oder Pandemien entstehen. Doch wie funktioniert dieses Memeing the Crisis? Wo findet es statt? Wer oder was kuratiert seine Bildersprache?

Das BA-Seminar „Memeing the Anthropocene“, das im SoSe 2025 an der RUB stattfand, hat dies am Begriff des Anthropozän theoretisch und forschungspraktisch erarbeitet. Hierzu wurden Grundlagen der Memetheorie verbunden mit Grundlagentexten zur Bildsprache der Klimaforschung und Klimawandel-Berichterstattung. Nach einer umfassenden Einführung und einigen gemeinsamen analytischen Übungen, führte die Seminargruppe ein längeres Medienexperiment zur Dynamik von „Meme Wars“ zum Thema Anthropozän durch. Sie bildete in einem abgeschlossenen Serverkontext einzelne Fraktionen, nutzte neue und bestehende Memes und versucht, andere von einem Standpunkt zu „überzeugen“, u.a. Gefahr der Klimakrise, Nichtexistenz der Klimakrise und Klimawandel als ökonomische Chance (die Standpunkte spiegelten nicht die persönlichen Standpunkte der Studierenden). 

Die Erkenntnisse des Meme Wars wurden gemeinsam dokumentiert und kritisch besprochen. Es zeigte sich vor allem, dass für diese Form der praktischen Vermittlung eine Kontrollgruppe notwendig ist, die von einem Standpunkt überzeugt werden konnte. Dennoch ließen sich einige Grundprinzipien der Meme Wars deutlich nachweisen, etwa, wie diese Form der Memes in der Onlinealltagskommunikation wirken – ein erhöhtes Engagement mit einzelnen User*innen, eine Tendenz in Threads zu „trollen“ und eine Befähigung Memes kontextuell und humoristisch als Template korrekt einzusetzen, wurden insgesamt als simple, aber konfliktverschärfende Handlungen bewertet. Dies führte zu einer hohen Sichtbarkeit einzelner Gruppen gegenüber anderen und somit auch zu einem schlussendlich dominanten Narrativ in der Zusammenschau des „Meme Wars“, wie auch die Abbildungen zeigen.  

Das Seminar zeigte damit anschaulich, wie Dynamiken der post-digitalen Landschaft gezielt genutzt werden können, um Diskurse zu gestalten. Dass die meisten Studierenden im Seminar nach eigener Aussage die Kommentarspalten von sozialen Netzwerken meiden und somit eine ungewohnte Form des Nutzer*innenverhaltens erproben mussten, führte zudem zu einigen interessanten Erkenntnissen zum eigenen Verhältnis zum öffentlichem Diskurs. Insgesamt zeigte das Seminar, wie bedeutsam eine kritische Media Literacy im Umgang mit Memes und Meme Wars ist und wie bedeutsam es ist, dass Grundrauschen der Bilderflut über solche Dynamiken einzuordnen –insbesondere, wenn es sich um Memes zu einem so kontrovers diskutierten und politisch offensiv umkämpften Thema wie dem Anthropozän handelt.